Dunkles im Licht

Die Aufhellung der Nacht schreitet immer weiter fort. Dass das nicht nur für viele Tiere, sondern auch für unseren menschlichen Organismus problematisch werden kann, ist häufig noch unklar.

Früher wurde mit Lichtern geworben – heute wird die Dunkelheit in Europa zur Exklusivität.

Seit kurzem wird die Insel Pellworm als „Sterneninsel“ beworben, weil dort noch verhältnismäßig wenig künstliche Lichtquellen sind und weniger Streulicht den Himmel erhellt. Astronomische Beobachtungen gelingen dort wesentlich besser als auf dem erleuchteten Festland. Nun wird aus gutem Grund für dieses zunehmend seltene Erlebnis geworben:


„Auf Pellworm ist es dunkel. Wirklich dunkel. […] Und das ist auch gut so, denn die Natur und auch der menschliche Organismus brauchen eine natürliche Dunkelheit, um einwandfrei funktionieren zu können.“

Kur- und Tourismusservice Pellworm

Lichtverschmutzung im Naturpark

Mittlerweile ist der Großteil der Landfläche Europas nachts stark lichtbeeinflusst. In Schleswig-Holstein hat die Intensität von künstlichem Licht zwischen 2012 und 2016 um 41% zugenommen (Auch im Naturpark Westensee steigt die Belastung durch Lichteinfall stetig.

Überblicke über das Ausmaß und die zeitliche Veränderung in den vergangenen Jahren werden z.B. über die Light pollution map vermittelt.
Über Radiance light trends lassen sich die Entwicklungen auch kleinräumig erfassen und auch graphisch anschaulich darstellen.

Derzeit kommen Fledermausexperten und Astronomen im Naturpark zusammen, um ebenfalls auf das Thema hinzuweisen und über die unterschiedlichen Folgen aufzuklären.

Orientierungslosigkeit durch Licht


Hintergrund

Natürliches Licht

Seit der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Mrd. Jahren waren die Nächte dunkel.
Kleine vereinzelte, gelegentliche oder weit entfernte Lichtquellen enstanden nur durch Biolumineszenz von z.B. Glühwürmchen, Fluoreszenz durch z.B. Polarlichter, Blitze und Feuer sowie durch Mond und Sterne.

Leuchtende Nachtwolken erscheinen durch den menschlich verursachten Klimawandel häufiger am Sommerhimmel.

Die wilden Arten, die sich in Jahrmillionen zu denen entwickelt haben, die wir heute kennen, sind mit ihrem gesamten Organismus an den langsamen Wechsel zwischen Tag und Nacht angepasst. Dementsprechend orientieren sie sich an hellen und dunklen Perioden.
Viele Arten nutzen das Tageslicht für Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung und die dunkle Zeit der Nacht für die Ruhephase. Beides ist wichtig, denn ohne die nächtliche Regeneration ist der Körper weniger einsatzfähig.
Pflanzen nutzen Sonnenlicht für ihre Fotosynthese und die Wärme des Tages zur Präsentation ihrer Blüten. Kräuter wie die Wegwarte öffnen ihre Knospen zum Anlocken von tagaktiven Bestäubern wie verschiedenen Wildbienen. Tiere begeben sich auf Nahrungs- und Partnersuche oder widmen sich der Aufzucht ihrer Jungen. Auch der Mensch zählt aufgrund seiner auf das Licht angewiesenen Augen zu den tagaktiven Lebewesen, die die körperliche und geistige Regeneration in einer dunklen Nachtphase benötigen.

Einige Tier- und Pflanzenarten nutzen die Dunkelheit und Ruhe der Nacht als aktive Zeit, da sie dort ergiebigere ökologische Nischen finden konnten. Dazu zählen manche Blütenpflanzen, deren Duft in der meist windstillen Nacht besser wahrgenommen werden kann. Auch bei den Säugetieren, Vögeln und Insekten gibt es nachaktive Vertreter wie Fledermäuse, Eulen und Nachtfalter. Sie alle sind auf die Dunkelheit angewiesen. Zur Orientierung nutzen die Arten auch vorhandene Lichter, das heißt sie orientieren sich am Mond und an den Sternen. Nachts fliegende Zugvögel und vor allem die Insekten sind daran angepasst. Auch am Boden lebende Tiere wie der Mistkäfer orientieren sich z.B. an der Milchstraße.

Manche Tierarten haben durch die ausgeweiteten menschlichen Aktivitäten ihre Gewohnheiten geändert und ihre Aktivitätsphase zunehmend in die Dämmerungs- und z.T. Nachtstunden verlegt, wenn weniger Verkehr herscht. Füchse und Rehe sind bekannte Zeigerarten. Die Zeitspanne für die Balzgesänge mancher Vögel hat sich z.T. so verlagert, dass die Töne nicht von der rush our überlagert werden.


Künstliches Licht

Da die Menschen auf Licht angewiesen sind, um richtig sehen zu können, bereitete der Einbruch der Dunkelheit für hunderttausende Jahre beinahe sämtlichen Aktivitäten ein Ende. Nicht ausreichend sehen zu können, bereitet vielen Menschen Angst. Oft scharrten sie sich vor dem Schlaf gemeinsam um das licht- und wärmespendene schützende Feuer. Denn, anders als TIere verlassen sie sich zunehmend weniger auf ihre anderen, auch weniger stark ausgeprägten Sinne, wie den Gehör-, Tast- und Geruchssinn.
Auch die aufkommende Industrialisierung war zunächst stark vom Tag-Nacht-Rhythmus beeinflusst bis schließlich im 19. Jahrhundert die Glühbirne erfunden wurde.
Diese Neuerung ermöglichte Arbeit und Produktion von Gütern bis in die Nacht hinein. Neben dem wirtschaftlichen Erfolgsaspekt, steigerte sich auch das Sicherheitsgefühl. Je stärker die Ausleuchtung, umso unabhängiger wurde man in seiner Zeitplanung.

Mittlerweile ist jeder es gewohnt, sich zu jeder Zeit entsprechend künstliches Licht zu schaffen, dunkle Bereiche auszuleuchten und alles detailliert zu erkennen. Das hat viele positive Aspekte, sodass wir uns sogar mit Verkehrsmitteln zu jeder Nachtzeit ebenso schnell fortbewegen können wir am Tag. Die negativen Aspekte für uns und andere Lebewesen blenden wir dabei aus.

Künstliche Lichtquellen blenden die an die Dunkelheit angepassten Augen, führen zu Orientierungslosigkeit und verwirren den Organismus – nicht nur beim Menschen.

Für viele Tiere sind künstliche Lichtquellen lebensbedrohlich.

Zusätzliche Lichtquellen schaffen zusätzliche Orientierungspunkte, die im Gegensatz zu Mond und Sternen leicht erreicht werden können. Viele Inskten wie Käfer und Nachtfalter sterben an Erschöpfung oder Hitze, wenn sie stundenlang von Lampen angezogen werden.
Kommen großflächig neue Lichtquellen dazu wie durch Neubaugebiete oder Gewerbebetriebe zieht die in der Regel helle und nicht abgeschirmte Beleuchtung sämtliche Inskten der Umgebung an – nach einigen Jahren sind dann immer weniger Inskten unter den Laternen zu finden, weil die Populationen der gesamten Umgebung zusammengebrochen sind. Daher wird vom Staubsaugereffekt gesprochen. Die Bilder und insbesondere das Video zeigen das Problem.

Andere lichtempfindliche Tiere wie die meisten Fledermausarten meiden erhellte Bereiche während der Jagd.
Ihr Lebensraum verkleinert sich immer weiter.

Bäume, die nachts aus ästhetischen Gründen angestrahlt werden, werfen ihre Blätter weniger oder später ab, was Krankheiten begünstigt, da sich sich der angesammelten Giftstoffen nicht mehr durch den Blattabwurf entledigen. Ausbleibener Blattwurf führt auch zu einer geringeren Humusproduktion.

Auch die Wanderung von Fischen und Gewässerinsekten kann durch Licht eingeschränkt oder verhindert werden.


Was können wir tun?

  • Licht aus! Strom sparen, wann immer möglich
  • Nutzung von warmem, organgenem Licht (unter 3.000 K) – grelles blaues Licht nachts vermeiden (siehe Abb. unten)
  • Mut zur Dunkelheit und Vertrauen in weitere Sinne – es lohnt sich
  • Außenbeleuchtung am Haus und im Garten vermeiden oder verringern –> Es wurde z.B. kein Zusammenhang zwischen Beleuchtungsintensität und Einbrüchen nachgewiesen.
  • Streulicht vermeiden –> Lichter abschirmen besonders nach oben und zu den Seiten
  • Keine Kugelleuchten
  • Mut zur Langsamkeit: Fernlicht ausschalten, langsameres Fahren und Abblendlicht verhindert Wildunfälle
  • Nacht muss dunkel

Eine ausführliche Darstellung von den gesundheitlichen Auswirkungen bis zu konkreten Handlungsempfehlungen für die Installation von Außenbeleuchtungsanlagen bietet das Skript des BfN.

Quelle: Wir sind heller – Industrie- & Gewerbebeleuchtung